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Erste gemeinsame wissenschaftliche Veranstaltung der Forschungsgruppe Minimal-invasive Interdisziplinäre Therapeutische Interventionen (MITI) und des LocomoTUM

02.07.2012


Die interventionelle Medizin (Chirurgie aller Subdisziplinen, interventionelle Radiologie und Gastroenterologie) ist für ihre Weiterentwicklung und die Einführung innovativer therapeutischer Konzepte zunehmend mehr auf die substantielle Unterstützung durch Ingenieurwissenschaftler (Elektrotechniker, Informatiker, Mechatroniker, ...) und die entwicklungsaktive Industrie angewiesen. An mehreren Kliniken der TU München wurde sehr früh – begünstigt durch das Umfeld einer Technischen Universität, die sich bewusst für eine besondere Schwerpunktbildung auf dem Gebiet der Medizin(geräte)technik entschieden hat – eine aktive Zusammenarbeit mit den Ingenieurwissenschaften gesucht. Dadurch entstanden am Klinikum zwei interdisziplinäre Forschungsgruppen als Plattformen für die Kooperation zwischen Medizingerätetechnikern und klinischen Anwendern. Um die fachspezifische Weiterentwicklung zu befördern, arbeiten Anwender (Chirurgen) und Entwickler (Ingenieure) unter optimalen Bedingungen direkt am „point of care“, d.h. im chirurgischen OP, zusammen.

Eine der beiden auch international wahrgenommenen interdisziplinären Forschungsverbünde ist die Forschungsgruppe für Minimal-invasive Interdisziplinäre Therapeutische Interventionen MITI, die 1999 von Chirurgen, Gastroenterologen und Ingenieurwissenschaftlern gegründet wurde und heute von sechs Chirurgen, drei Gastroenterologen sowie fünf Ingenieuren getragen wird.

Das Zentrum für Muskuloskelettale Forschung der Technischen Universität München – LocomoTUM – wurde 2009 gegründet. Die Fragestellungen im Bereich der muskuloskelettalen Forschung sind vielfältig, zum Teil biologische, zum Teil technische und erfordern ein sehr breites Methodenspektrum. Diesen Anforderungen können nur interdisziplinäre Teams aus Ärzten, Biologen, Ingenieuren, Informatikern und vielen anderen mit enger klinischer Anbindung gerecht werden. Genau das ist Ziel der neu gegründeten gemeinsamen Forschungsplattform im Sinne einer interdisziplinären, integrierten Forschung am gesamten muskuloskelettalen Bewegungssystem durch Vernetzung der Fachdisziplinen Orthopädie, Unfallchirurgie, Sportorthopädie, Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie und Plastische Chirurgie. Dadurch kann auf ein breites Expertenwissen der verschiedensten Forschungsbereiche zugegriffen werden. Es ergeben sich vielfältige Synergien bei der gemeinsamen Nutzung von Geräten oder Analyseverfahren. Die Forschungsschwerpunkte von LocomoTUM sind neben der klinischen Forschung die regenerative Medizin, Biomechanik und Technologie Integration.

Die konkrete praktische Zusammenarbeit zwischen den Medizinern, Informatikern und Ingenieuren ist allerdings nicht immer ohne Konfliktpotential, da unterschiedliche Wissenschaftskulturen und Arbeitswelten aufeinander treffen. Auf Einladung von MITI und LocomoTUM referierte Privatdozent Dr.-Ing. Thomas Wittenberg, Fraunhofer Institut für Integrierte Schaltungen IIS Erlangen, über das Thema „Medizintechnik – Eine interdisziplinäre Herausforderung“.

Wittenberg identifizierte unterschiedliche Faktoren, die die Kooperationsfähigkeit von beiden Seiten beeinträchtigen können. Dazu gehören in erster Linie die verschiedenen Herangehensweisen bei Forschungsthemen der (Technische Lösung vs. Klinischer Bedarf), unterschiedlichen Terminologien, Zeitkonstanten, aber auch die unterschiedliche methodische Vorgehensweise. Während Ingenieure strategisch und langfristig ausgelegt planen, neigen Mediziner gerne zu ad hoc Lösungen mit dem Ziel, möglichst rasch Resultate zu erzielen, selbst wenn methodische und inhaltliche Probleme noch nicht vollumfänglich geklärt und gelöst sind. Damit geht eine gewisse Neigung zu publizistischen „Schnellschüssen“ einher, die unter Umständen mit den für die Ingenieure wichtigen Fragen des „intellectual property“ im Sinne von Erfindungsmeldungen hinsichtlich einer späteren Vermarktung einer Idee kollidieren können.

Andererseits müssen Mediziner, die im Gegensatz zu den Ingenieuren medizintechnische Forschung sozusagen „nebenbei“ betreiben, zusätzlich zeitliches Engagement aufbringen. Eine zeitliche Abstimmung mit den Ingenieuren ist jedoch oft schwierig. Konkrete Termine und Planungen scheitern häufig daran, dass der Chirurg gerade zum vereinbarten Zeitpunkt doch wieder im OP sein muss und somit nicht zur Verfügung steht, da klinische Erfordernisse immer Vorrang haben.

Natürlich gibt es keine Patentlösungen, um alle Hürden in der Zusammenarbeit zwischen den Disziplinen zu überwinden, aber einige Schritte können bereits sehr wirksam sein. Es beginnt mit der Eingewöhnung an die unterschiedlichen Terminologien und die beiderseitige Bereitschaft, bereits in der Projektplanung Unklarheiten konsequent auszuräumen. Bei der Planung muss von medizinischer Seite mehr Bereitschaft für die disziplinierte, detaillierte und umfassende Planung aufgebracht werden, während ingenieurseits akzeptiert werden muss, dass Unschärfen in der chirurgischen Projektplanung bis zu einem gewissen Maß in Kauf genommen werden und idealerweise durch geeignete Ausweichstrategien vermieden werden können. Alles ist in der Praxis überwindbar, wenn beidseits gleichermaßen Respekt vor und Interesse an der Wissensdomäne des anderen vorhanden ist, verbunden mit der Motivation, gleichberechtigt und gemeinsam ein Problem zu lösen, das letztendlich zur Verbesserung der medizinischen Versorgung beiträgt.

Die fesselnde Präsentation wurde von den zahlreichen Zuhörern begeistert aufgenommen und war von einer lebhaften Diskussion gefolgt. Es steht außer Zweifel, dass von der Veranstaltung wertvolle Impulse für die weitere Zusammenarbeit zwischen den Ingenieuren und Ärzten vor Ort ausgegangen sind.